Ein Ritual entfesselte die musikalische Moderne: Igor Strawinskys „Sacre du printemps“. Ein Ritual brachte sie zur spirituellen Besinnung: Karlheinz Stockhausens „Inori“. Wie in einem tiefinnigen Gebet kommt alles aus einer Formel und strebt alles auf eine Formel hin. Ihr Geheimnis und der Zugang zu ihr liegt in der Musik. Die Gebetsgesten, die zwei Tänzerinnen ausführen, stellte der Komponist aus der Praxis verschiedener Religionen zusammen und ordnete sie als eine chromatische Skala an. So sind sie Teil der musikalischen Partitur und ihr nicht äußerlich hinzugefügt. Klang und Gebärde, hörbare und sichtbare Geste kommen aus einer Quelle und vollziehen einen gemeinsamen Prozess. Stockhausen schrieb keine religiöse Musik in dem Sinne, dass sie eine Glaubenslehre hinterlegte oder wiedergäbe. Religiös ist sie aus dem transzendierenden Anliegen, das die Kunst, die Wissenschaft und die Metaphysik teilen. Für John Cage war das „if you celebrate it“ ein entscheidendes Kunstkriterium.

© Archiv der Stockhausen-Stiftung für Musik, Kürten
Karlheinz Stockhausen, Elisabeth Clarke, Alain Louafi im Herodes Atticus Theater in Athen, 1978